Der Wind weht wann er will

Die Bundesregierung setzt in der Klimapolitik auf Windenergie - Probleme für Energieversorger, schwankende Mengen auszugleichen

"Unsere Energie- und Klimapolitik greift", verkündete im Januar 2008 stolz Michael Müller, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Er verwies auf den Windpark "Borkum-West II", eine Anlage aus 80 großen Windrädern der 5-Megawatt-Klasse, die noch in diesem Jahr rund 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum errichtet werden soll. Die Windenergieanlagen werden ab 2010 in Betrieb gehen und etwa 1,2 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr liefern - ausreichend für 300.000 Haushalte. Nachdem die besten Plätze an Land vergeben sind, setzt die Bundesregierung gemeinsam mit der Windkraft-Industrie auf küstennahe Offshore-Standorte. Das ehrgeizige Ziel: Windenergieanlagen an Land und auf See sollen bis 2030 etwa ein Viertel des Stromverbrauchs in Deutschland decken.


Windenergie - Platz Eins bei den erneuerbaren Energien

Von diesem hoffnungsvollen Ziel ist die Windenergie derzeit noch weit entfernt: 6,4 Prozent des Stroms kamen im vergangenen Jahr aus Windkraftanlagen. Das ist allerdings unbestritten Platz Eins im Ranking der Erneuerbaren Energien. Es folgten die Wasserkraft mit 3,3 Prozent, Biomasse mit 3,2 Prozent, Strom aus Müllkraftwerken machte 0,7 Prozent und Strom aus Photovoltaik 0,5 Prozent der Gesamt-Stromerzeugung aus. Offshore-Windparks sind die einzige Möglichkeit, die Windstrommengen deutlich zu erhöhen und dabei kein Verlustgeschäft zu machen. Deshalb engagieren sich auf diesem Gebiet etliche Investoren. Mit mehr als 20.000 Megawatt hatte Deutschland Ende 2007 den größten Bestand an Windkraftanlagen in Europa. Trotz vorsichtigem Optimismus bei den Betreibern bleiben doch eine Menge Probleme, die in den nächsten Jahren bewältigt werden müssen.

Gewinner und Verlierer

Freuen können sich natürlich die küstennahen Regionen: Durch den Windkraft-Boom entsteht ein neuer Wirtschaftsbereich, der viele Arbeitsplätze und eine Menge Geld in die strukturschwachen Gebiete bringt. Verlierer könnte die Tourismusbranche sein, denn wer möchte schon im Strandkorb sitzen und Windräder betrachten? Ein zweiter Nachteil ist der Kostenanstieg beim Netzbetrieb, der durch teure Seekabel und Anschlussleitungen entsteht. Diese Kosten werden von den Übertragungsnetzbetreibern und damit kraft Gesetzes durch die Netzentgelte der Stromkunden bezahlt. Damit sich die Erzeugung von Windstrom für die Anlagenbetreiber rechnet, wird demnächst die Einspeisevergütung auf 12 Cent pro Kilowattstunde erhöht - ebenfalls von allen Stromkunden getragen durch die Abgabe laut Erneuerbare-Energien-Gesetz. Die erhöhten Kosten dieser teuren Technik zahlt also jeder Stromkunde.

Schattenkraftwerke bei Windstille

Die Technik der Windenergienutzung stellt Ingenieure und Energieversorger vor knifflige Probleme: Was tun, wenn der Wind nicht weht? "Die Schwankungen der Windenergieeinspeisungen sind das größte Problem für eine zuverlässige Netzsteuerung. Die monatlichen Abweichungen vom Normalwert können bis zu 50 Prozent nach oben oder nach unten betragen", erläutert Hans-Otto Röth, Präsident des Verbands der Netzbetreiber (VDN). 2 Milliarden Kilowattstunden im windarmen Januar 2006, 7,5 Mrd. kWh genau ein Jahr später bei 10 Prozent mehr installierter Leistung - damit muss der Netzbetrieb fertig werden. Wenn die Strommenge aus Windkraft weit unter der prognostizierten Menge bleiben, müssen so genannte Regelkraftwerke zugeschaltet werden. Diese "Schattenkraftwerke" stehen bereit, um bei Windstille oder zu viel Wind - denn in diesem Fall schalten sich die Windanlagen ab - den Ausfall aufzufangen. Ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien, wie die Bundesregierung plant, wird also nicht ausreichen, um Deutschland in Zukunft mit Energie zu versorgen. Zusätzlich werden zuverlässig Strom liefernde Kraftwerke benötigt, um die so genannte Grundlast abzudecken. Das ist die Grund-Strommenge, die in einer bestimmten Zeitperiode kontinuierlich verbraucht wird.

Neue Übertragungsnetze

Ein Riesenproblem bereitet zudem die ungünstige geografische Verteilung der Windmengen: Aus den küstennahen Gebieten muss immer mehr Strom in die Ballungszentren und Industrieregionen im Süden Deutschlands transportiert werden. Große Übertragungsnetztrassen werden benötigt, um diese Mengen aufzunehmen. Genehmigungsverfahren zum Ausbau der Netze dauern jedoch viele Jahre. Bis die Netze ertüchtigt sind, besteht die Gefahr von schwer plan- und lenkbaren Lagen für die Netzbetreiber. Wenn im Sommer Windenergie fehlt und gleichzeitig Kraftwerke wegen Kühlungsproblemen zurückgefahren werden, könnte der Strom sogar knapp werden. Durch die überlasteten Übertragungsnetze und den europaweiten Stromtransport sind die 380-kV-Übertragungsnetze schon jetzt am Rande ihrer Transportkapazität - Black-outs könnten die Folge sein.

Erneuerbare Energien in Pforzheim

Trotz aller Schwierigkeiten: Die Energieversorger sehen in den erneuerbaren Energien eine wichtige Ergänzung der konventionellen Energieversorgung. Die Stadtwerke Pforzheim investierten in umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplung und Erzeugung von Strom aus Biomasse. Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Stadttheaters produziert Strom aus Sonnenlicht, und demnächst wollen die SWP auch im Bereich Wasserkraftanlagen erneut investieren. "Wir leisten einen erheblichen Beitrag, dass Strom und Wärme nachhaltig und klimafreundlich in die Wohnhäuser und Gewerbebetriebe Pforzheims gelangen", sagt Wolf-Kersten Meyer, Geschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim GmbH & Co. KG.

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