Dr. Klaus Parey im Interview mit den SWP

11.04.2016. Am 22. Januar 2016 wurde eine Fischaufstiegshilfe am Pforzheimer Flusskraftwerk Auerbrücke eingeweiht. Die Baumaßnahme stellt die vom Gesetzgeber geforderte ökologische Durchgängigkeit für viele Fischarten der Enz her, die jetzt leichter das Kraftwerksgebäude passieren und ins Oberwasser schwimmen können. Die Maßnahme wurde von den Stadtwerken Pforzheim (SWP) in Abstimmung mit der Fischereibehörde beim Regierungspräsidium Karlsruhe geplant und umgesetzt.

Die Fischaufstiegshilfe ist eine Art Treppenhaus aus 45 Vertical-Slot-Becken; jedes Becken überwindet 12 cm Höhe und insgesamt einen Höhenunterschied von 5,20 Metern. Die Gesamtlänge der Fischaufstiegshilfe beträgt 86 Meter und der Durchfluss 140 l/sec. Jedes Becken hat eine minimale Wassertiefe von 0,5 m und weist eine Ruhezone für die Fische auf. Die Baumaßnahme Fischaufstiegshilfe mitten in der Pforzheimer Innenstadt gestaltete sich aufgrund der engen räumlichen Verhältnisse schwierig. Der Gesamtinvest der SWP für die technische Erneuerung des Flusskraftwerks (Revision der Turbinen, Ertüchtigung der Generatoren, Automatisierung der Steuerung, Modernisierung der Rechenanlage) und für den Bau der Fischaufstiegshilfe betrug 2,7 Mio. Euro. Am Ende der Maßnahme stand die Genehmigung zum Weiterbetrieb der Wasserkraftanlage für weitere 30 Jahre.

Interview mit Dr. Klaus Parey

Dr. Klaus Parey ist Fischereibiologe und 1. Vorsitzender des Pforzheimer Fischerklub 1875 e.V.; er begleitete die Maßnahme Fischaufstiegshilfe fachlich

SWP: Wie stellte sich die Gewässerökologie der Enz bislang dar? Mit welchen Konsequenzen für Flora und Fauna in Enz und Nagold?
Dr. Klaus Parey: In der Vergangenheit wurden beim Ausbau der Gewässer, beim Hochwasserschutz und bei der Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung viele Fehler gemacht. Ich bin in Pforzheim aufgewachsen, die Ufer von Nagold und Enz waren mein täglicher Spielplatz. Der lange Restwasserbereich der Nagold um das damalige Kraftwerk bestand aus monotonen, flachen Becken mit gemauerten Ufern und mit kaum merklichem Durchfluss, das weder Fischen noch Kleinlebewesen einen Lebensraum bot. Mit Wehranlagen ohne funktionsfähigen Fischpass war der Aufstieg für Fische wie Barben und Bachforellen zu Laichplätzen im Oberwasser der Enz und Nagold unmöglich.

SWP: Warum ist die ökologische Durchgängigkeit so wichtig für die Fische und Kleinlebewesen?
Dr. Klaus Parey: Barben und Bachforellen beispielsweise treten zur Laichzeit eine Wanderung in die flussaufwärts gelegenen Laichgebiete an und wollen danach auch wieder zurückkehren. Dies erfordert, dass technische Bauwerke an unseren Flüssen für Fische durchgängig gestaltet sein müssen. Durchgängigkeit ist auch wichtig, damit Fischpopulationen sich ausbreiten und neue Lebensräume erobern können und damit ein laufender genetischer Austausch möglich ist. Auch nach Fischsterben ist es wichtig, dass Fische aus nicht betroffenen Gewässerabschnitten zuwandern können und damit die Population wieder aufbauen. Die Durchgängigkeit von Gewässern ist für Fische so wichtig wie eine gute Wasserqualität und eine möglichst natürliche und lebendige Gestaltung der Gewässer.

SWP: Wie wurde die neue Fischaufstiegshilfe konzipiert? Welcher Aufwand wurde betrieben? Wie war der Fischerverein involviert?
Dr. Klaus Parey: Nach großen Leistungen in der Renaturierung von Enz und Nagold blieb als letztes großes Hindernis in Pforzheim die Wehranlage an der Wasserkraftanlage Auerbrücke. Gebaut ohne Fischpass, ist dessen Nachrüstung eine technische Meisterleistung, die in dieser Form einzigartig in Deutschland ist. Der neue Fischpass ermöglicht nun den Aufstieg von Fischen flussaufwärts und die ebenfalls neu eingerichtete Abstiegshilfe sorgt dafür, dass Fische auch sicher und ohne Gefährdung von der Turbine flussabwärts wandern können. Somit wurde die Durchwanderbarkeit auch an dieser Stelle der Enz entscheidend verbessert. Genauso wichtig sind die durch die SWP durchgeführten Verbesserungen in der Nagoldstrecke von der Auerbrücke bis zum Bleichwehr. Dort wurde die Wasserführung auf ca. 2.5 qm/s dauerhaft erhöht, Steine zur Lenkung der Strömung eingebracht und für eine vielseitige und lebendige Gestaltung des Fließgewässers gesorgt. So wurde nicht nur die Durchwanderbarkeit dieses Flussabschnittes deutlich verbessert, sondern die gesamte ökologische Lebenssituation für Fische, Vögel und Kleinlebewesen entscheidend optimiert.

SWP: Welche Fischarten profitieren besonders von der neuen Fischaufstiegs- und abstiegshilfe?
Dr. Klaus Parey: Es profitieren insbesondere die Leitfischarten der Flüsse in der Region Pforzheim. Vorrangig zu nennen sind Bachforellen, Äschen und Barben, deren natürliche Wanderungen im Jahresverlauf nun deutlich verbessert werden. Die Fischaufstiegshilfe ist aber so gestaltet, dass auch weniger strömungsangepasste Fischarten und Jungfische passieren können. Auch die noch verbliebenen Aale können nun ungefährdet von der Turbine die Laichwanderung flussabwärts antreten.

SWP: Gibt es schon Zahlen zu Erfolgen?
Dr. Klaus Parey: Bei meiner letzten Untersuchung der jetzt ökologisch aufgewerteten Nagoldstrecke konnte ich bereits 12 Fischarten in diesem Abschnitt registrieren; die Artenzahl und Populationsdichte werden nun weiter zunehmen. Ganz entscheidend ist dafür die erhöhte Wasserführung, die aus dem sterilen Restwasserbereich meiner Jugend ein vollwertiges Gewässer herstellt.

SWP: Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit von Stadt, Stadtwerken, Fischereibehörde und Fischerverein?
Dr. Klaus Parey: Die Zusammenarbeit funktionierte von der Planung über die Bauphase bis zum Abschluss der Maßnahmen hervorragend. Alle Beteiligten zeigten großes Engagement für die ökologischen Verbesserungen. Ideen zur Ausgestaltung und Optimierung wurden offen diskutiert und umgesetzt. Hervorheben will ich auch das Ingenieurbüro Hutarew, das in der Planung und Ausführung der Baumaßnahmen unter schwierigsten Rahmenbedingungen hervorragende Arbeit leistete. Der Stadt Pforzheim ist zu danken für die sehr nachhaltige Verfolgung der Renaturierung von Enz und Nagold. In den vergangenen 25 Jahren konnte so die gewässerökologische Situation in Pforzheim entscheidend verbessert werden.

Das Flusskraftwerk Auerbrücke der SWP - Fakten

Hier erzeugen zwei Kaplan-Rohrturbinen mit je 500 kW Leistung jedes Jahr etwa 3 Mio. kWh „Weißstrom“ ohne klimaschädliche Emissionen. Zu den Umbaumaßnahmen seit 2013 gehörten die Erneuerung der Rechenanlage, die Revision der beiden Kaplan-Rohrturbinen im Ravensburger Herstellerwerk und der Einbau neuester Technik für den Turbinenbetrieb (Temperaturfühler, Drehzahlerfassung, Sensorik), Grundreinigung und Lagerwechsel bei den Generatoren sowie die Erneuerung der elektronischen Mess-, Steuer- und Regeleinrichtungen auf neuesten Stand der Technik.

Kennzahlen der Fischaufstiegshilfe
Anzahl der Becken45
Höhenunterschied insgesamt5,20 Meter
Gesamtlänge86 Meter
Wasserspiegeldifferenz zwischen den Becken0,12 Meter
Beckenbreite1,90 Meter
Beckenlänge (jedes Becken)1,30 Meter
Schlitzbreite0,25 Meter
Durchfluss140 l/sec
Minimale Wassertiefe0,50 Meter
Technische Daten der Baumaßnahme 
Aushub 900 m3
Stahl 120 Tonnen
Beton560 m3
Länge der Verbauträger280 Meter
Kennzahlen zum Flusskraftwerk 
Inbetriebnahme1985
2 Kaplan-Rohrturbinen mit je 500 kW Leistung1 MW
Fallhöhe des Flusses5,70 Meter
Bisherige Stromerzeugung (jährliche Schwankungen bedingt durch Wasserstand)3 Mio. kWh/Jahr
Prognostizierte Stromerzeugung ab 20163,3 Mio kWh/Jahr

Gesamtinvestition für alle die Anlage betreffenden Maßnahmen:

Etwa 2,7 Mio. Euro wurden investiert für:

  • Fischaufstiegshilfe
  • Revision der Turbinen
  • Ertüchtigung der Generatoren
  • Automatisierung der Steuerung
  • Modernisierung der Rechenanlage
  • Diese Investition dient der Erfüllung aller notwendigen Auflagen zum Weiterbetrieb und damit der Genehmigung zum Weiterbetrieb der Anlage für weitere 30 Jahre.

 

Alle Informationen rund um die Fischaufstiegshilfe

Sonja Kirschner, Leiterin Marketing / Unternehmenskommunikation / Gremien
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